Mit gebrauchter Hardware gegen die Krise

M. Bleicher, bb-net CEO
Im Zuge der sprunghaften Mobilisierung der Arbeitswelt waren auch gebrauchte Geräte gefragt wie nie. Gleichzeitig legt sie Probleme wie die Abhängigkeit von asiatischen Produzenten und fehlendes Nachhaltigkeitsbewusstsein offen, wie Michael Bleicher im Interview mit ICT CHANNEL ausführt.

ICT CHANNEL: Herr Bleicher, die Pandemie hat den Trend zum mobilen Arbeiten erheblich beschleunigt. Wie stark hat sich das auf die Nachfrage nach gebrauchten Systemen ausgewirkt?

Michael Bleicher: Aufgrund der benötigen Geräte für Home-Office/Schooling wurden wir mit einem enormen Nachfrageanstieg konfrontiert. Was dazu führte, dass wir quasi just-in-time fertigten und kaum Lagerbestand aufweisen konnten. Hiervon war der gesamte Neu- als auch Gebrauchtwarenmarkt betroffen. Mobile Geräte standen hierbei klar im Fokus, der Desktop Bereich ist stark zurück gegangen.

ICT CHANNEL: Inwieweit hat es bei der vermehrten Entscheidung für den Gebrauchtkauf aus Ihrer Sicht eine Rolle gespielt, dass neue Laptops vielfach ausverkauft waren?

Bleicher: Im Markt musste Lieferfähigkeit bewiesen werden. Zu dieser Zeit war es für Partner und Kunden zweitrangig, ob das Gerät neu oder aufbereitet war. IT-Remarketing erhielt im vergangenen Jahr einen positiven Aufschwung. Firmen, die bis dato aufbereiteter Hardware noch skeptisch gegenüberstanden, erkundeten aus der Not heraus neues Terrain und wurden von den unschlagbaren Argumenten der refurbished IT überzeugt. Qualität, Liefer- und Leistungsfähigkeit, attraktive Preise – professionell aufbereitete Geräte halten, was sie versprechen. Somit kann man sagen, dass Partner, die sich für Produkte mit verlängertem Lebenszyklus geöffnet haben, in der Regel auch langfristig auf die Nutzung dieser Geräte setzen. Durch den Aufschwung konnten Absatzkanäle in kürzester Zeit langfristig ausgeweitet werden, was jedoch die Beschaffung gebrauchter Geräte und der damit verbundene, fehlende verantwortungsvolle Umgang mit IT-Hardware in Deutschland sehr deutlich machte.

ICT CHANNEL: Um das zu ändern, haben Sie 2020 unter anderem die »Initiative für nachhaltig sichere IT Evolution« (INSI) gegründet. Konnte diese, und damit auch der soziale Teil in Form der Gerätespenden, ebenfalls vom Nachfrageboom profitieren?

Bleicher: Die INSI-Initiative trägt erste Früchte und einige Projekte konnten bereits realisiert werden. Das volle Potenzial der Initiative ist jedoch noch nicht erreicht. Dennoch konnten kleinere Gerätespenden, unter anderem auch aus eigenen Projekten, bereits übergeben werden. Für das neue Jahr möchten wir INSI weiter pushen und Unternehmen die Möglichkeit bieten, mit ihrer ausgemusterten Hardware einen positiven Beitrag für unsere Umwelt zu leisten sowie den Bildungssektor zu unterstützen.

Versorgungslage bleibt trotz Verschwendung solide

ICT CHANNEL: Steigt durch die Mobilisierung der Arbeitswelt auch die Nachfrage nach Mietmodellen, weil Unternehmen etwa versuchen, die Lockdowns mit geliehenen Geräten zu überbrücken?

Bleicher: Definitiv. Auch im Bereich Miet-IT konnten wir mit Partnern diverse Projekte realisieren und refurbished IT zeitweise dem Markt zurückführen. Einige Partner überzeugte die Qualität ihrer Mietgeräte so sehr, dass sie diese direkt nach Ablauf der Mietzeit übernommen haben. Aufgrund der aktuellen Situation wird die Nachfrage an geliehenen Geräten nicht weniger werden und bei uns weiterhin im Portfolio eine Rolle spielen.

ICT CHANNEL: Wie gut konnten und können Sie ihre Partner noch versorgen und inwieweit spielen dabei auch Faktoren wie die Lockdowns und Hygienevorschriften eine Rolle?

Bleicher: Durch langjährige und zuverlässige Partnerschaften konnten wir die schwierige Versorgung verhältnismäßig gut überwinden und Belastungsspitzen standhalten. Jedoch wurden einige Projekte aufgrund der Neuwarenknappheit aber auch durch Hygienekonzepte vorerst gestoppt. Viele Unternehmen reduzierten den Zutritt sowie Lieferungen oder in unserem Fall Abholung von Waren auf ihrem Gelände, auf das Minimum. Das führte dazu, dass die ausgemusterte IT nicht wie vereinbart abgeholt und in unserem Technologie Center aufbereitet werden konnte, sondern beim Kunden als Reserve eingelagert wurde. Durch unsere Räumlichkeiten ist es uns möglich, durch genügend Abstand, Maskenpflicht und Schichtsysteme, zum Beispiel bei Pausenzeiten, unsere Produktion weiterhin fortzuführen. Home-Office im kaufmännischen Bereich gehörte bereits vor der Pandemie zum Standard bei bb-net, wodurch es auch hier für Kunden und Partner keine Service- oder Kontakteinschränkungen gab oder geben wird.

ICT CHANNEL: Was bedeuten diese Veränderungen für den Einkauf und damit die nahe Zukunft? Wird der Nachschub an mobilen Geräten noch knapper, während Desktops in Hülle und Fülle zu haben sind?

Bleicher: Die größte Herausforderung im IT-Remarketing Sektor ist die Beschaffung der Ware. Je mehr Unternehmen ihre gebrauchte Hardware einlagern, umso schwieriger die Beschaffung. Die Problematik innerhalb der Neuwarenverfügbarkeit von Hardware hat sich einigermaßen stabilisiert, was dazu führt, dass wieder mehr ausgemusterte IT an Refurbisher übergeben werden und die Beschaffung etwas leichter wird. Der Trend zu mobilen Endgeräten im Vergleich zu Desktops ist klar zu erkennen und wird vermutlich nicht abflachen, sondern noch weiter steigen.

Drohendes Aus für zahlreiche Microsoft-Refurbisher

ICT CHANNEL: Wie sehr werden die aktuellen Erfahrungen aus Ihrer Sicht die Arbeitswelt über die akute Lage hinaus verändern und wie kann der Gebrauchtmarkt davon profitieren?

Bleicher: Die Arbeitswelten aller Branchen werden digitaler als jemals zu vor sein. Galt zu Beginn des vergangenen Jahres Home-Office bei vielen noch als absolutes Privileg, etabliert es sich immer mehr zum Standard. Die Vorteile für Arbeitnehmer, Arbeitgeber aber auch für unsere Umwelt sind groß, jedoch auch mit viel Vertrauen, Disziplin und einigen Umstellungen verbunden. Dennoch wird mobiles Arbeiten auch nach Rückkehr zur Normalität, nicht an Beliebtheit verlieren, sondern ein fester Bestandteil dieser sein. Durch Erschaffung fester und weiterer Home-Office Arbeitsplätze, gehen wir von einer anhaltenden Nachfrage bei mobilen Endgeräten aus, weshalb der damit verbundene Hardwarebedarf hoffentlich ein großes Licht auf den Refurbished-IT-Markt werfen wird.

ICT CHANNEL: Neben der Ausnahmesituation durch Covid-19 mussten Sie dieses Jahr die Integration der zahlreichen von Microsoft ausgelisteten kleineren Refurbisher stemmen. Wie gut ist das gelungen und gehen Sie davon aus, dass die meisten der Betroffenen auch unter den neuen Bedingungen im Markt bleiben

Bleicher: Der größte Anteil aus dem verabschiedeten Microsoft-RRP-Programm konnte auch durch bestehende MAR Partner nicht abgefangen werden. Zu groß war die Diskrepanz der Unternehmen und der bevorstehenden Umstellung auf ausschließlich digitale Lizenzen. Dennoch konnten wir unsere Partnerlandschaft in diesem Bereich vervierfachen und gehen davon aus, dass die oberen 15 Prozent aus dem Programm nun über andere MAR-Partner ihr Geschäft weiterbetreiben können.

ICT CHANNEL: Das neue Jahr steht bei Microsoft im Zeichen der digitalen Lizenzen. Welche Herausforderungen bringt das mit sich und wie können Sie die Partner dabei unterstützen? Welche weiteren Trends oder Themen erwarten Sie?

Bleicher: Die größte Herausforderung ist die Integration des digitalen Prozesses bei TPR-Partnern (Anmerkung der Redaktion: Third Party Resellern). Die Umsetzung und der damit einhergehende Aufwand sind nicht zu unterschätzen. Letztendlich sichert der Schritt aber langfristig einen gewinnbringenden Umgang mit digitalen Lizenzen. Weitere Trends könnten sein, dass auch andere Softwareanbieter diesen „Spirit“ mit aufnehmen und vermehrt digitale statt analoger Produkte anbieten.

Mehr Hilfestellung für Unternehmen und Behörden

ICT CHANNEL: Welche Bilanz ziehen Sie insgesamt für das vergangene Jahr und welches Feedback kommt von Ihren Partnern?

Bleicher: Wirtschaftlich gesehen war das Jahr 2020 durchweg positiv und dabei überdurchschnittlich fordernd. Was wir als positiv ansehen, da es doch die nötigen extra Drehzahlen bereitstellt, um sich weiter zu entwickeln. Die Pandemie hat die Schwachstellen in den Märkten gezeigt. Die Abhängigkeit von China und deren Produktionsstätten, die Empfindlichkeit von Lieferketten und die längst überfällige Digitalisierung in allen Bereichen. Der Onlinehandel hat dem stationären Handel erneut ein großes Stück vom Kuchen genommen und Händler, die ausschließlich stationär unterwegs sind, haben erhebliche Einbußen erlitten. Der Rettungsschirm läuft im kommenden Jahr aus und wird offenlegen welche Auswirkungen die Pandemie vollumfänglich hatte. Darüber hinaus sind die Preise am Markt überhitzt und die Verfügbarkeit weiterhin knapp. Wir blicken 2021 sehr skeptisch entgegen.

ICT CHANNEL: Bleibt die Wiederaufbereitung dennoch im Trend, zumal Green-IT derzeit einen Aufschwung erlebt?

Bleicher: Jedes Unternehmen, ganz gleich welche Größe, steht vor der Herausforderung der Entsorgung ihrer gebrauchten Geräte. Unsere Gesellschaft setzt Unternehmen immer mehr unter Druck, in allen Bereichen nachhaltig zu agieren und sich der Wegwerfgesellschaft entgegenzusetzen. Tendenziell sind viele Firmen und Einrichtungen offen sich dem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer gebraucht IT zu stellen, scheuen aber die Umstellung ihrer internen Prozesse und fürchten Mehraufwand.

ICT CHANNEL: Mit welchen neuen Ideen können Sie und ihre Partner Unternehmen und Behörden helfen, diese Herausforderung zu meistern?

Bleicher: Um vor allem auch kleineren Unternehmen die Chance auf einen nachhaltigen Umgang mit der ausgemusterten IT zu geben, können diese in Zukunft die bb-net Green-IT Box mieten. Die Green-IT Box dient als mobiles Zwischenlager der ausgemusterten Unternehmenshardware, ganz gleich für welchen Zeitraum. Firmen können so bequem und zentral ihre Gebraucht-IT lagern und jederzeit die Abholung und Lieferung an bb-net beauftragen. Nach Übermittlung der Ware wird diese im Schweinfurter Technologie Center auf Seriennummernbasis überprüft, datengelöscht und nach fairen Marktpreisen bewertet und die Auszahlung veranlasst. Alle Dienstleistung sind bereits im Mietpreis enthalten, wodurch dem Unternehmen keinerlei weitere Kosten entstehen.

 

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